Motorrad

Drei Überraschungen

Minsk bei Nacht mit dem Sportpalast und der orthodoxen Hauptkirche (zwei Türme) im Hintergrund.

Alle Berge und alle Kurven, die es in Weißrussland gibt, haben die Bauleute hierzulande verarbeitet als es galt, die alte Verbindungsstraße von Minsk in Richtung Moskau übers platte West-Weißrussland zu führen. Es ging auf und ab und fast hatte man das Gefühl, heute erklimmt das Motorrad den Gipfel des mit reichlich 300 Metern höchsten Berg des Landes. Es gab auch Kurven, die Reifenflanken haben also nach rund 1000 Kilometern endlich mal wieder Asphalt gespürt. Das war die erste Überraschung des Tages. Eine schöne Überraschung.

Die zweite: Direkt an der weißrussisch-russischen Grenze sollten die letzten weißrussischen Rubel ausgegeben werden. Es war genug da, um noch einmal vollzutanken und vielleicht noch ein Wasser oder einen Kaffee zu kaufen. Mit dem Reservesprit bin ich in die letzte Tankstelle vor der Grenze gerollt, bei der mich natürlich gewundert hat, dass die elektronische Preisanzeige ausgeschaltet war. Es gab keinen Sprit, dafür eine Warteschlange. Den Grund für die Kraftstoffnot habe ich nicht erfragt, sondern das Motorrad gedreht, um die Tankstelle auf der anderen Seite anzusteuern. Auch da gabs keinen Sprit und der Grund wurde schnell klar: Stromausfall. Für unbestimmte Zeit. Im ganzen Umkreis. Die nächste Tankstelle sollte sich irgendwo hinter der Grenze befinden. Womöglich weit genug entfernt, um im Grenzgebiet mit leerem Tank stehen zu bleiben. Nein, keine gute Aussicht. Der Natschalnik, so etwas wie der Gebietschef der Tankstellenkette, hat schließlich geholfen. Er holte aus den Tiefen des Gebäudes einen noch etwa zur Hälfte gefüllten Kanister mit 95er Sprit und füllte ihn in die Yamaha. Er hatte ein Herz für Biker! Danke, danke, danke! Eine tolle Überraschung. Die Bezahlung haben wir danach recht großzügig gehandhabt, schließlich hatte ich ja noch genug weißrussische Rubel einstecken.

Die dritte Überraschung ist mir unangenehm. Noch immer frage ich mich, wie ich darauf kommen konnte, dass es freizügige Grenzregelungen nur in Mitteleuropa geben soll. Es gibt sie auch im Osten. Freizügig bedeutet in diesem Fall, dass  ich nicht ein einziges Mal stoppen musste an der russisch-weißrussischen Grenze. Es bedeutet auch, dass ich noch nicht mal durchgewinkt wurde. Der einzige Grenzer, den ich zu Gesicht bekommen habe, war ein Russe. Ein kurzes Kopfnicken genügte für freie Fahrt. Die Papiere, die ich also an der polnisch-weißrussischen Grenze ausfüllen musste, die sogenannte Immigrationsbescheinigung und ein Zettel, der bestätigt, dass ich mit dem Motorrad eingereist bin (also auch wieder ausreisen will), gelten weiterhin, es wurde nix kontrolliert.

Das Ergebnis: Noch am Nachmittag bin ich in Smolensk eingetroffen und hatte alle denkbare Zeit, mein Hotel zu suchen. Es liegt etwas außerhalb, ist aber dafür recht preisgünstig. Und zum Wetter: Nur ein einziges Mal – auf etwa einem Kilometer Fahrstrecke – hat es heute geregnet.

Zum zweiten Mal bin ich mit dem Motorrad am Dnepr angekommen.

s Kommentare

  1. Da hast Du mit dem Sprit echt Glück gehabt. Die Drag Star nach Russland zu schieben, wäre wahrlich kein leichtes Vergnügen. Wurdest Du dort eigentlich mal gefragt, wo Du herkommst? Genial ist der gelbe Waschlappen als Vibratonsbremse für die Flaggenstöcke. Der sorgt im tristen Grau für den nötigen Farbtupfer an der Maschine. Erstaunlich übrigens, dass der aufgebundene Regensack zwar exakt so schief hängt wie beim Abschied am Grenzpfahl in Görlitz, aber offenbar noch nicht runtergefallen ist. Sicher wird er morgens bewusst schief gelagert und sorgt so für die korrekte Trimmung des Gesamtgewichts. 😉
    Gute,regenarme Reise noch. Werde genau verfolgen, was an der Wegstrecke so los ist.

    Beste Grüße
    Falk

    1. Ich werde fast dauernd gefragt, woher ich komme. Überrascht sind die Fragenden dann aber weniger von den gefahrenen Motorradkilometern als von der Tatsache, dass ich allein unterwegs bin

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