Dresden / Weltanschauliches

Gedanken und ein Wunsch zur Einheit

Mein Unreifezeugnis und der Ausweis, mit dem ich drei Jahre später in den Westen entlassen wurde.

Die Wiedervereinigung war nicht richtig. Das meinen zehn Prozent von uns Ossis, meldet das ZDF und beruft sich dabei auf das eigene Politbarometer (Grafik Nr. 5). Zu diesen zehn Prozent könnte auch Klaus-Dieter M. gehören, mein Klassenlehrer aus der Erweiterten Oberschule „Romain Rolland“ (RoRo). Denn seine Unterschrift steht gleich neben der des Schuldirektors in meinem Abizeugnis. Er war demnach federführend, als mein Reifezeugnis zu einem Unreifezeugnis gemacht wurde.

In der Beurteilung steht: „Engagiert unterstützte Christoph das Klassenkollektiv bei kulturellen Veranstaltungen und beteiligte sich an Talentewettstreiten. Es fiel ihm jedoch schwer, auch andere Forderungen des FDJ-Auftrags in der gleichen Weise zu realisieren. Nicht immer ausgeglichen, äußerte sich Christoph sehr häufig spontan und wertete Erscheinungen, ohne immer gründlich nachgedacht zu haben. Obwohl Christoph sehr diskussionsfreudig war, gingen deshalb bei Auseinandersetzungen im FDJ-Kollektiv von ihm zu wenig konstruktive Vorschläge aus…“

Knapp 30 Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen war ich zu einem Treffen „meiner“ RoRo-Klasse ins Carloaschlösschen geladen. Mitten unter den Feiernden: Klaus-Dieter M. und gewiss auch Ex-Klassenkameraden, die damals in der EOS mehr zu tun hatten, als zu allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten zu werden. Man sprach über Autos und Häuser, den Beruf, manche auch über ihre Kinder, lachte und prostete sich zu. Kein Wort über die sozialistische Vergangenheit, obwohl ich das erste Mal zu einem solchen Treffen geladen war. Auch danach nicht.

20 Jahre Einheit sind für mich auch ein Anlass, mir meine Abizeit in der Neustadt in Erinnerung zu rufen. Es war eine ungemein aufregende Zeit zwischen EOS, Junger Gemeinde in der Dreikönigskirche, langen Abenden in der „Winzerstube“ und nächtlichen Diskussionen in irgendwelchen abbruchreifen Häusern auf der Louisenstraße. Ohne Groll denke ich auch an Klaus-Dieter M. und die FDJ-Leitung der Klasse, die mir damals das Leben schwer gemacht haben. Dafür mit der Hoffnung, dass sie inzwischen angekommen sind im System des Klassenfeindes.

s Kommentare

  1. Das klingt nach keinem leichten Schulalltag.

    Ich frage mich manchmal, wie mein Leben in der DDR verlaufen wäre, hätte ich darin das Erwachsenenalter erreicht.
    Wahrscheinlich hätte ich nicht mit 30 noch mal ganz von vorn anfangen müssen, weil ich in meinem erlernten Beruf keine Perspektive mehr hatte. Ich hätte auch bei keinem Amt in entwürdigender Weise um Fortbildungen und Unterstützung betteln müssen, um mir mein Studium am Ende doch von der kargen Aufstockung der Arge absparen zu müssen. Vermutlich hätte ich heute bereits Kinder, die ich nun schon seit Jahren hinausschiebe.

    Allerdings glaube ich, dass ich dennoch nicht glücklich hätte werden können in einem Staat, in dem das Aussprechen von Realitäten und Kritik am System Ausgrenzung und Strafe nach sich zogen. Immerhin bin ich schon als „Agitatorin“ im Gruppenrat der 4. Klasse mit meiner Klassenleiterin Frau Rabe, damals an der 15. POS in der Görlitzer, darüber aneinandergeraten, wie man die Nachrichten in Zeitungen und Fernsehen aufzubereiten und an die Schülerschaft heranzutragen habe.
    Nein, ich glaube, das wäre nicht lange gutgegangen. Dennoch bin ich Sozi genug, die positiven Ansätze, die es in der DDR sehr wohl gab, nicht vergessen zu haben. Ich denke dabei an meinen Großvater, den ich nie kennenlernen durfte, dem ich aber angeblich so ähnlich bin. Er war Sozialist mit Leib und Seele und Mitglied in KPD und SED. Doch in den 60ern war er zu einem scharfen Kritiker des DDR-Systems geworden – weil es seiner Ansicht nach mit sozialistischen Idealen immer weniger gemein hatte. Diese Kritik brachte ihn 1969 ins Grab.

  2. Knapp 5 Stunden Autobahn. Einmal Dresden – Bad Berneck und wieder zurück. Treffpunkt mit meinen Eltern auf ‚halber Strecke‘, weil mein Großer die Herbstferien bei seinen Großeltern verbringen wird. Sie wohnen seit 10 Jahren in einem der sog. „alten Bundesländer“. Die gesamte Fahrt über Sonnenschein – an diesem 3. Oktober. Ich war natürlich nicht die einzige, die sich auf die Strecke begeben hatte. Ich vermute, Christoph, dass ein paar der 10 Prozent des Politbarometers mit darunter waren, die ihr Auto von ‚hüben nach drüben’ oder umgekehrt über die ehemalige innerdeutsche Grenze zur Arbeit, in den Urlaub oder zu sonstigen Zwecken bewegt haben.

    Meine Erinnerungen an die DDR: ich hatte eine sehr schöne Kindheit! Meine Erinnerungen an 20 Jahre Deutsche Einheit: Eine aufregende Jugend, ein erfolgreich absolviertes Studium und nun ein Job, der mir Freude macht. Bei dem ich interessante Menschen kennen lerne … von ‚hüben wie drüben’. Über „Was wäre wenn… hätte … könnte …“ denke ich nicht nach. Der Konjunktiv liegt mir womöglich nicht so gut. Ich wünsche mir, dass meine Kinder als Erwachsene ebenfalls sagen werden: Wir hatten eine schöne Kindheit – und sich daran erinnern, dass ihre Heimat Sachsen im Osten und Baden-Württemberg im Westen der Bundesrepublik liegt. Da, wo sie ihre Ferien bei Oma und Opa verbracht haben. Die Wiedervereinigung war richtig! Die sich selbst und/oder andere bezeichnenden „Ossis“ und „Wessis“ – vielleicht sterben sie irgendwann aus … vielleicht denke ich zu „grenzenlos“ und für manch anderen etwas naiv, weil ich irgendwo ganz weit hinten in einem der Täler der Ahnungslosen aufgewachsen bin oder zu jung war … vielleicht aber auch, weil ich aktuell zufrieden bin mit mir und meinem Leben – im Hier und Jetzt.

    Im Übrigen: mein „Reifezeugnis“ aus dem Jahre 1992 enthält auf dem Deckblatt eine nette gesamtdeutsche Mischung aus „Freistaat Sachsen – Reifezeugnis – Erweiterte Oberschule“ … UND es bescheinigte mir in „Deutsche Sprache und Literatur“ ein „befriedigend“ …

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